Olivenernte in Yesiltepe, Nordzypern

von Heidi Trautmann*

Die Novembertage auf Zypern haben einen besonderen Reiz durch den Wechsel zwischen noch brennender Sonne und wasserfallartigen Regengüssen. Die Natur erfährt eine Art Verjüngung, ein Glätten der Runzeln nach der harten Sommerhitze. Auf diese Nässe warten auch alle Olivenbauer, denn erst nach diesen ersten dicken Regentagen oder auch Wochen kann die Olive die begehrte Fülle erhalten.

Gegen Ende Oktober läutet das Oliven-Festival in Zeytinlik die Pflücksaison ein, ein inzwischen wirklich sehenswertes Ereignis, mit Buden voller Kunsthandwerk, auf einer Bühne Volkstanz, Dichterlesungen und andere Darbietungen wie Reden von örtlichen Politikern, auch kulturellen Abgesandten, die segnend die Hand darüber halten.

Dann geht ein jeder, der einen Olivenbaum sein eigen nennt, gerührt nachhause und plant die große Ernte. Gleich anschließend daran öffnen die örtlichen Ölmühlen ihre Tore und lassen die Maschinen Probelaufen und flugs sind auch schon die ersten Olivensammler an der Pforte mit Säcken und Kisten voller Oliven, auf denen sie geduldig sitzen.

In unserer Nachbarschaft merkten wir auch schon eine gewisse Unruhe und ich fragte meine Nachbarin Düriye, wann sie meint, dass wir pflücken sollten, und sie wackelte mit der Hand und dem Kopf und meinte, lass noch ein bisschen Regen kommen, wir haben noch Zeit, der Sommer war recht trocken.

Und dann kam der dicke Regen, und ein böser Sturm zerzauste die Kronen und riss die Oliven herunter, wir litten mit, da geht unser Öl dahin! Aber nein, so schlimm war es nicht, nur die oberen Partien, wo man sowieso kaum hinlangte, waren fast leer gefegt.

Endlich schien die Sonne wieder, und wir machten uns fertig für die Pflückerei mit großen ausziehbaren Leitern, Standleitern und Eimern, und wir trugen feste Schuhe, um gut auf den Leitern stehen zu können, und das für Stunden, endlose Stunden. Ich hatte mir eine große Plastiktüte um den Bauch gebunden wie eine Art Känguru-Beutel und unser Nachbar meinte, dass ich sehr professionell damit aussähe.

So ging ein jeder in Stellung, mein Mann Kalle in die höheren Regionen und ich wie gewohnt in die unteren, zuerst, und ich nahm die voll bestückten Zweige in die Hände und streifte die Früchte in meinen Beutel hinein, dass er sich nur so füllte. Es waren kleine Früchtchen, grün bis blau, mehr grün würde ich sagen, am ersten Baum, so dass ich schon meinte, wir hätten doch noch ein bisschen warten sollen.

Warum die Hektik? Kalle sagte aber ganz richtig, die Ölmühlen nehmen nur Ladungen an zum “Mahlen” ab einer gewissen Menge, und die liegt ca bei 100 kg, und dann, ja dann, muss man als Olivenbauer das gepflückte Produkt innerhalb von zwei Tagen zur Mühle bringen, damit die Säure nicht zunimmt, oder die Oliven das Faulen anfangen.

Eine intensive Zeit, diese Pflückerei, die letzte Ernte im Jahr in einem variationsreichen Obstgarten.
Ich entwickelte eine gewisse Routine, mit beiden Händen in die Fülle hineinzugreifen. Ich begann nachzusinnen über die Geschichte der Olive, die Jahrtausende alt ist. Der Olivenbaum, der älteste und größte Produzent an Lebensqualität, mit Ehrungen in Tempeln als religiöse Beigabe, Ehrung von Helden und Sportlern, für die Pflege des Körpers und gesunde Ernährung und vieles mehr.

In meinen Lateinaufgaben las ich von meinen geliebten Helden, die im Olivenhain sich ergingen und, aufgewachsen in Bayern zwischen Kiefern und Eichen, sehnte ich mich schon immer nach einem Olivenhain. Hier habe ich ihn nun im kleinen Maßstab, drei alte ehrwürdige Bäume und fünf jung veredelte, aus alten Wurzeln emporgewachsen.

Von diesen jungen Bäumen erntete ich pflaumengrosse grüne und dunkelblaue fleckenlose Oliven, ein Wunder der Natur und ich brachte diese separat zum Einlegen ins Haus. Essoliven, das würde einen weiteren Tag an Arbeit bedeuten.

Die Sonne schien uns warm auf den Buckel, neue Singvögel, wohl frisch zugereist, sangen über unseren Köpfen und wir philosophierten auf den Leitern über das Leben, was das Zeug herhielt. Unser Nachbar half uns bei der Ernte, er empfand wohl auch das Kreative an der Arbeit des Pflückens, des Erntens.

Du arbeitest für Dein Essen, gehst mit dem Lauf der Natur, ordnest Dich unter und erntest dankbar das, was Du vorher gesät, gepflanzt, gehegt und gepflegt hast.
Ganz automatisch verlieren unangenehme Dinge, die einen noch vor kurzem bedrückt haben, an Bedeutung, da die Konzentration auf Frucht und Händen liegt, der Ursinn für die Erhaltung allen Lebens.

Der Wind dreht die Olivenzweige und zeigt die silbergraue glitzernde Färbung, die alten Stämme mit ihren Runen der Zeit, dem Beugen und Entgegensetzen an Kräften, wie die Lachfalten bei einem alten Menschengesicht. Ich entdeckte auf einem Zweig hochoben einen wohl zugeflogenen aufgepfropften Zweig eines Pfefferbaumes, der in der Nähe wächst. “Siehst Du, es geht, dass zwei verschiedene Lebewesen zusammenwachsen können!”, sage ich zu meinem Nachbarn.

200 kg der an einem weiteren Tag noch handverlesenen Oliven, befreit von Stilen und Blättern, werden am dritten Tag zur Mühle gebracht, in aller Frühe um 7.00 Uhr, wir sind die ersten, die Maschinen sind noch kühl, also wird es eine echte Kaltpressung, wobei 40° noch erlaubt sind.

Vor wenigen Jahren habe ich noch sieben ganze Stunden in der alten Mühle in Karsiaka gesessen und auf meine Runde gewartet. Die großen Steinscheiben, die die Oliven zu einem Brei gerieben haben, von Motor betrieben; früher wurden sie von Eseln langsam im Kreise gedreht, wie man auf alten Bildern erkennen kann.

Dieser Brei wurde in flache Weidenkörbe gefüllt, die zentrisch auf einen Pfosten gefädelt wurden. Eine Pressscheibe drückte diese Körbe zusammen und das Öl floss durch das Geflecht heraus in eine Wanne, von wo aus es in den Filter geleitet wurde, am anderen Ende saß der Ölbauer und hielt seine Behälter unter den goldenen Strahl.

Viele saßen auf ihren Säcken und schauten einfach zu, andere halfen mit, probierten die verschiedenen Öle mit einem Stück Brot und kommentierten, manche warfen Zitronenstücke in die Masse. Der moderne Prozess ist weniger romantisch, aber ebenso aufregend und sicher hygienischer und schneller.

Erst werden die Blätter weggeblasen, denn nicht alle Olivenbauer haben ihre Ernte handverlesen, da sind viele Körbe mit schimmeligen Früchten dabei, dann laufen und hüpfen die Oliven über ein Band und werden gewaschen, dann kommt der Mahlprozess, den wir nicht verfolgen können, die Reinigung über den Filter, bis der Hahn das frische Öl freigibt.
Aus unseren 200 kg Oliven erhielten wir 35 Liter dunkelgrünes duftendes Öl, was wir daheim gleich mit frischem Salat und Brot probierten, die Belohnung der vielen Arbeit.
Ich habe auch das Geheimnis des schwarzen Olivenöls aufgedeckt; da werden die Früchte erst gekocht und dann gemahlen, es ergibt einen ganz intensiven Geschmack, den man mögen muss.

Nun stand ich noch vor der großen Schüssel mit Riesenoliven, die ich als Essoliven aussortiert hatte. Ich werde sie für 10 Tage wässern und dann einlegen und in einigen Wochen auf den Tisch bringen, wenn immer Freunde kommen.

Olivenöl, das grüne Gold der Mittelmeerländer, der kostbare Saft unserer Erde, bekommt nicht mehr den Respekt und die Achtung, die es eigentlich verdient. Hunderte von Jahrhunderte alten Bäumen werden aus Profitgier über Nacht gefällt und geopfert, sie enden als Brennholz für YTL 150 pro Tonne in den offenen Kaminen.

Alte Olivenhaine werden verkauft, das Geld wird für ein schnelles Glück wie Auto, Fernseher und Waschmaschine ausgegeben, doch was dann, wovon wird der alte Bauer dann leben, er wird kein Land mehr haben, um seine Familie mit dem Ertrag zu ernähren.

Wer nie dieses Glücksgefühl gespürt hat, wenn der erste Strahl Öl in das Gefäß sich ergießt, nachdem er tagelang Knochenarbeit geleistet hat, kann nicht nachvollziehen, was für ein Luxus in diesen alten knorrigen Bäumen steckt.

Die Website der Künstlerin und Autorin Heidi Trautmann: www.heiditrautmann.com



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